Supernatural ist zurück auf der Quest – und was der VR-Trainingsalltag für visuelles Training bedeutet
Supernatural ist heute nach dem Spin-out von Meta im Early Access auf die Meta Quest zurückgekehrt. Ein Abo-basiertes VR-Fitnessprogramm, bei dem man Orbs schlägt, in die Hocke geht und Kalorien verbrennt – betrieben von einem unabhängigen 15-köpfigen Team. Auf den ersten Blick eine Fitnessgeschichte. Auf den zweiten Blick eine Geschichte über etwas Schwierigeres: über Routinen, die Menschen tatsächlich durchhalten.
Ich erinnere mich an einen Dienstagabend im Januar. Kopfhörer auf, Wohnzimmerlicht aus, das Headset noch warm vom vorherigen Ladezyklus. Ich hatte mir fest vorgenommen, das Pflastertraining für mein schwaches rechtes Auge diesmal wirklich durchzuziehen. Drei Wochen lang. Dann lag das Pflaster wieder in der Schublade, neben dem Rot-Blau-Brillengestell, das ich seit der Diagnose mit vierzehn besitze. Nicht weil es nicht wirkt. Sondern weil es sich nach Therapie anfühlt, und niemand bleibt freiwillig bei etwas, das sich nach Therapie anfühlt.
Warum das ein Wendepunkt ist
VR-Training hat den Status eines Experiments verloren. Es gibt Abonnements, es gibt Nutzer, die täglich wiederkommen, es gibt eine Infrastruktur aus Headsets, Tracking und Content. Das ist unspektakulär – und genau deshalb wichtig. Denn was für Bewegung im Headset funktioniert, kann auch für andere Trainingsformen funktionieren, die bisher an Motivation gescheitert sind.
Der Mechanismus ist nicht Magie. Es ist die Kombination aus hoher Immersion, niedriger Einstiegshürde und einem Belohnungssystem, das nicht nach Pflicht schmeckt. Supernatural hat das für Cardio bewiesen. Die Frage ist, ob dasselbe Muster auf Bereiche übertragbar ist, in denen Übung nicht primär den Puls, sondern die visuelle Verarbeitung trainiert.
Das Motivationsproblem beim Sehtraining
Bei Amblyopie (lazy eye) und visueller Koordinationsschwäche ist das klassische Werkzeug die Okklusion: ein Klebepflaster auf dem stärkeren Auge, dazu Rot-Blau-Brillen oder Übungsblätter. Die Methoden sind etabliert, aber unbeliebt. Sie sehen sichtbar nach Therapie aus, sie machen keinen Spaß, und viele Erwachsene gehen davon aus, dass das Zeitfenster ohnehin geschlossen ist.
Dabei geht es bei diesem Training um Koordination und Aufmerksamkeit – Dinge, die sich mit Übung beeinflussen lassen, unabhängig vom Alter.
Wie Amblyotube ansetzt
Amblyotube ist eine Quest-App von Seven Sports, die YouTube-artige Inhalte als Trainingsgrundlage nutzt. Der Ansatz ist eine bewusste Trennung der beiden Augenbilder:
- Dominant Eye Shader: Das dominante Auge sieht eine sanft einstellbare digitale Unschärfe. Es bekommt weniger Kontrast und Detail – und überlässt dem schwächeren Auge mehr Arbeit. Die Filter umfassen unter anderem Unschärfe, Kontrast, Helligkeit, Gamma und Opazität; bei 100 % Opazität wirkt der Shader wie eine vollständige digitale Abdeckung, das Ziel ist aber meist eine teilweise Transparenz, damit beide Augen gleichzeitig verarbeiten.
- AI Sharpener (MFBF): Im Bild des schwächeren Auges erkennt die Software menschliche Figuren und hebt sie hervor – mit kräftiger roter Kontur, gelb-grünem Highlight und einem gleichmäßigen Puls-Rhythmus. Die Puls-Frequenz (Pulse Hz) und die Puls-Tiefe lassen sich anpassen.
- Wedge Occlusion (optional): Teile des Bildes werden pro Auge ausgeblendet, sodass jedes Auge eigene Bildanteile sieht. Das reduziert binokularen Wettstreit und macht die Zusammenführung beider Bilder zur Aufgabe.
- Binokulare Fusion: Ein heller magentafarbener Fokus-Hinweis erscheint im schwächeren Auge, ein dezenter neutral-grauer Punkt im dominanten Auge. Das Tracking führt beide Marker zusammen – sie verschmelzen zu einem kohärenten 3D-Bild. So wird das Gehirn trainiert, beide Augen zu fusionieren und echte Tiefe zu verarbeiten.
Der Einstieg ist bewusst niedrigschwellig: Im schwebenden Menü wählt man das betroffene Auge (links/rechts) und eine Stufe (leicht/mittel/stark) – oder startet den LogMAR-Sehtest. Dann läuft ein Video im virtuellen Raum oder in der Room-View-Passthrough-Ansicht.
Die Einstellungsebene im Detail
Wer selbst experimentieren will, findet drei Stellschrauben: die Stufe des Dominant Eye Shader, die Intensität des AI Sharpeners und die Puls-Parameter der visuellen Akzente. Wichtig ist die korrekte Auswahl des betroffenen Auges – wird sie falsch gesetzt, trainiert man das dominante Auge. Ein „Reset All“-Button stellt die Standardwerte der Stufe wieder her.
Der eigentliche Punkt: Dranbleiben
30 bis 40 Minuten täglich, maximal 1 Stunde, ab 13 Jahren. Keine Klebepflaster, keine Rot-Blau-Brille. Die These ist einfach: Wenn der Inhalt gut ist, wird aus Training eine Gewohnheit – und Gewohnheit ist der Teil, der in der Praxis zählt. Die App richtet sich dabei ausdrücklich auch an Jugendliche ab 13, die klassisches Pflastertraining oft als mühsam erleben.
Was mich daran überrascht hat: dass es sich tatsächlich nicht wie Üben anfühlt. Der Puls im schwachen Auge, das langsame Zusammenlaufen der beiden Marker zu einem einzigen Bild – das ist eher ein kleines Rätsel, das man lösen will, als eine Aufgabe, die man abhakt. Ich habe die Session nicht nach dem Timer beendet, sondern nachdem ich es einmal sauber gesehen hatte.
Einordnung
Amblyotube ist ein ergänzendes Sehtrainings- und Assistenzwerkzeug für binokulare Koordination und Tiefenwahrnehmung. Es ist keine Diagnose, keine Behandlung und kein Heilmittel. Bei Verdacht auf Amblyopie gehört der erste Weg zur augenärztlichen Abklärung.
Die App ist im Meta Quest Store verfügbar: https://www.meta.com/en-gb/experiences/amblyotube/25906906972338493/


